Shelter (1990)

Über das Album

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Debütalbum. Veröffentlicht auf Geffens GDC-Label. Produziert von Hal Willner, Toningenieur: Joe Ferla, A&R: Gary Gersh

Lori Carsons Songs vermitteln den Schmerz des Verlassenseins und einsamer persönlicher Kämpfe in schonungsloser Detailtreue. Ihr Schreiben ist klar und direkt, dem Herzen nahegebracht durch ihre Fähigkeit, sich in ihre traurigen, oft glücklosen Charaktere hineinzuversetzen. Dass sie singt, als wäre sie verzaubert, sogar selbst ein Geist, macht ihr Debütalbum, Shelter, umso ergreifender.

Mit ihrer hauchzarten, zwitschernden Stimme und ihrer Akustikgitarre ist Carson seit ein paar Jahren in den New Yorker Folk-Clubs unterwegs. Aber sie hat auch ein Auge auf die Straßen geworfen. Die Titelmelodie, eine Geschichte von Verlassenheit und verdorbener Unschuld, schwebt auf zarten Klängen von Concertina, Synthesizer und Morricone-Gitarre herein und baut sich langsam auf, bis ihre obdachlose Erzählerin in den frühen Morgenstunden in der U-Bahn sitzt und ihre beiden lustlosen Kinder tröstet. “Which Way Be Broadway” ist ebenso erschütternd: Ein Mädchen läuft von zu Hause aus Minnesota weg, um Tänzerin zu werden, und landet schließlich auf einem winterlichen New Yorker Bürgersteig, wo sie Tricks vorführt und sich nach der Wärme der Vergangenheit sehnt, aber so sehr von der Anziehungskraft der Stadt gefesselt ist, dass sie nicht mehr zurück kann.

Nicht, dass Carsons Platte völlig freudlos wäre. „Stand on Your Own“ ist mit seinem Pedal-Steel-Country-Arrangement eine Bestätigung der persönlichen Entschlossenheit; „Imagine Love“ ist eine warmherzige, sentimentale Ballade, zu der Gregg Allman seine knurrende Bärenstimme beisteuert; „Pretty Girls“ gipfelt in der Entscheidung der Protagonistin, ihren untreuen Liebhaber endlich zu verlassen. Auch in den Arrangements von Produzent Hal Willner liegt Wärme. Willner schützt Carsons fragile Stimme, indem er auf einfühlsame Musiker wie Gitarrist Marc Ribot und Schlagzeuger Michael Blair (Komplizen von Tom Waits und Elvis Costello) zurückgreift und ihre Songs dezent mit Cello, Waldhorn, Harfe und Flöte untermalt.

Carson verbringt zwar viel Zeit damit, von unglücklichen Enden zu singen. Aber wenn sie weiterhin Songs schaffen kann, die so emotional ansprechend sind wie die auf Shelter, könnte dieses Album einen vielversprechenden Neuanfang darstellen. (RS 574)

TED DROZDOWSKI, Rolling Stone

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